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| Kommentare | ||||
| 26.10.2005 | ||||
| Reaktion auf den Artikel "Computer können das Lernen behindern" im ifo-Schnelldienst | ||||
| Der Artikel "Computer können das Lernen behindern" im ifo-Schnelldienst (Ausgabe 18/2005) von Thomas Fuchs und Ludger Wößmann hat in den letzten Tagen aus Sicht des IBI zu unrecht für Wirbel und Diskussionen gesorgt. Zunächst wollten wir von einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den Ergebnissen der ifo-Studie absehen - immerhin ist die Studie unter dem weit weniger werbenden Titel "Computers and Student Learning: Bivariate and Multivariate Evidence on the Availability and Use of Computers at Home and at School" bereits im November 2004 erschienen. Diverse irritierte Anfragen aus Politik und Presse haben uns nun dazu bewogen, zu den Aussagen Fuchs/Wößmanns Stellung zu nehmen. |
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| Unsere zunächst verhaltene Reaktion auf den Artikel erklärt sich durch dessen indifferente, sich weitestgehend selbst aufhebende Argumentation. Einige Gesichtspunkte werden vom IBI auch geteilt, so z.B. die Infragestellung der Ergebnisse aus den PISA-Auswertungen oder die Forderung nach neuen Einsatzmodellen für den PC im Schulunterricht. Unsere Stellungnahme motiviert sich vornehmlich aus dem Ruf nach einer wissenschaftlich stichhaltigeren Diskussion eines bildungspolitisch höchst bedeutsamen Themas. Es ist mit Sicherheit richtig und ein Verdienst der Autoren, die teilweise recht platten Schlussfolgerungen aus den PISA-Umfragen durch Anwendung elaborierterer Methoden zu hinterfragen oder zu widerlegen. Wenig hilfreich ist es andererseits von Seiten der Autoren durch Verallgemeinerung, fragwürdige Argumentation oder Nichtbeachtung von Realitäten neue Unsicherheit in eine Diskussion zu bringen, die ohnehin teilweise mit viel Unwissenheit geführt wird. Bereits die Überschrift des Artikels gibt Anlass zur Kritik: "Computer können das Lernen behindern". Genauso verallgemeinernd könnte man schreiben "Autos können töten" oder - um näher am Thema zu bleiben - "Bücher können das Lernen behindern". In diesem Stil werden auch die Gefahren beschrieben, die die Autoren - gestützt auf andere Quellen - im PC sehen: "Eine dritte Gefahr für das Lernverhalten von Schülern wird im Ablenkungspotential durch Computerspiele gesehen. Dies ist insbesondere zu Hause relevant und kann dazu führen, dass Schüler Zeit, die sie sinnvoller für die Erledigung der Hausaufgaben oder Lernen benutzt hätten, vor dem Computer verbringen." (S.3) Oder vor dem Fernseher, dem Buch, oder dem Fußball. Negative Eigenschaften, die hier nur dem Computer zugesprochen werden, finden sich in allen Freizeitaktivitäten - und auch in so hohen Kulturgütern wie dem Buch - wieder, können also nicht dem Medium an sich, sondern nur seiner mißbräuchlichen Nutzung angelastet werden. Einen Absatz zuvor formulieren Fuchs/Wößmann folgende Sorge: "Muss aufgrund der Ausstattung einer Schule mit Computern an anderer Stelle, wie zum Beispiel bei der Anschaffung besserer Lehrbücher, gespart werden und wären diese alternativen Verwendungszwecke für die Schülerleistungen förderlicher gewesen, so hätte die Computerausstattung negative Folgen auf die Lernleistungen der Schüler." (S.3) Hier ist es nicht die falsche Verwendung des Mediums, sondern die Frage der Ausgabenpolitik im Bildungswesen, die dem Computer angelastet wird. Mit der gleichen Argumentation könnte man behaupten, die Ausstattung einer Turnhalle, die Anschaffung neuer Tafeln oder die Begrünung des Schulhofs (je nach Aufteilung der Geldtöpfe) hätten negative Folgen auf die Lernleistung der Schüler. Auch an anderer Stelle kommt das Geld zur Sprache. Bei falscher Nutzung wäre der großflächige Einsatz von Computern letztendlich ein Pyrrhussieg der Befürworter des Computereinsatzes, "der den Steuerzahler viel Geld kostet, das für andere Zwecke besser eingesetzt werden könnte und unsere Schüler im Vergleich zu einer Schule ohne Computer schlechter stellen würde." (S.9) Abgesehen davon, dass die Wirksamkeit anderer Lehr-/Lernverfahren ebenfalls in Frage gestellt werden kann, werden dem Computer Maßstäbe angelegt, mit denen konventionelle Unterrichtsmedien und -methoden nicht gemessen werden. Dies mag sich in den hohen Kosten der Computerausstattung begründen, jedoch gibt es zu dieser unter einem Gesichtspunkt keine Alternative: Mit der zunehmenden Verbreitung von Computern und Internet ist der Zugang zu weltweit vorhandenem Wissen immer einfacher, jedoch auch notwendiger bzw. selbstverständlicher geworden. Von dieser Entwicklung sind all jene ausgeschlossen, die aufgrund materieller Beschränkungen keinen Zugang zu diesen Wissensquellen haben. Die Forderung an das Bildungssystem, dieses "digital gap" zu schließen, wird immer lauter und ist unserer Ansicht nach berechtigt. Fuchs/Wößmann weisen in ihren Daten selbst darauf hin, dass 18%, also knapp ein Fünftel der Schüler, zu Hause keinen PC zur Verfügung haben. Um diesen Schülern die Chance zu geben, sich im Umgang mit dem PC zu schulen, aber auch und gerade, um mit ihm zu lernen, müssen Schulen mit tatsächlich relativ teuren Neuen Medien ausgestattet werden. In diesem Zusammenhang möchten wir eine weitere Aussage Fuchs/Wößmanns aufgreifen, die sie sich durch das Zitieren Max Goldts zu eigen machen: "Die Schwierigkeit, ins Internet einzusteigen, liegt irgendwo zwischen dem Binden eines Windsorknotens und dem Erlernen von Standardtänzen. Ein noch besserer Vergleich ist das Autofahren. (...) Für viele Jobs ist ein Führerschein genauso Grundvoraussetzung wie EDV-Kenntnisse. Würde man aber deshalb das Steuern eines PKW als eine essentielle Kulturtechnik bezeichnen und die Schulen damit beauftragen, diese Technik zu vermitteln? Würde man nicht. Autofahren, Krawatten binden und Internet sollen die Menschen in ihrer Freizeit lernen. Für die Vermittlung von Grundkenntnissen in diesen Bereichen sind die allgemeinbildenden Schulen zu schade." (S.10) Dieser Vergleich greift viel zu kurz. Um in der bildhaften Sprache zu bleiben: Autofahren mag ein jeder können. Es wäre aber auch wünschenswert, wenn jeder Autofahrer auch eine Landkarte lesen oder sich problemlos orientieren könnte. Einen Browser zu bedienen mag tatsächlich eine recht einfache Sache sein. Im Internet zügig und gezielt zu recherchieren und dabei Wichtiges von Unwichtigem, Wahres von Falschem trennen zu können, das muss sehr wohl intensiv gelernt werden und zwar unter fachkundiger Anleitung - auch und gerade in der Schule. Hierfür ist die allgemeinbildende Schule nicht zu schade - hierfür ist sie da, besonders für Schüler, die daheim entweder keinen PC zur Verfügung haben oder mangelnde Unterstützung durch Ihre Eltern erfahren. Generell scheinen die Autoren einen wichtigen Punkt des Computereinsatzes zu Lernzwecken nicht begriffen zu haben. Es geht nicht um das Erlernen von EDV-Grundkenntnissen ("Computerfähigkeiten"). Dies ist nur ein kleiner, wenn auch nicht zu vernachlässigender Teil. Hauptsächlich geht es darum, mit dem Computer Fachwissen zu vermitteln bzw. sich anzueignen. Und hier, dies belegen Studien des IBI in anderen Bereichen, lassen sich sehr wohl bessere Lernleistungen mit dem PC erzielen. Dass hierbei ein adäquater Einsatz von PC und Internet und vor allem die Qualität und Zielgruppengerechtheit der benutzten Bildungssoftware ein Rolle spielt, versteht sich von selbst. Einen Großteil der Studie macht die Analyse der PISA-Daten aus, die - wie schon bemerkt - erfreulicherweise in ihrer Schlichtheit angezweifelt werden. Kritisieren müssen wir allerdings die häufige Anwendung des Konjunktivs in Fuchs/Wößmanns Ausführungen. Hier muss man, solange die Daten, auf denen die Aussagen beruhen, nicht vollständig offen gelegt und nachvollziehbar sind, den Autoren glauben oder nicht. Wie jedenfalls Statistiken falsch oder einseitig interpretiert werden können, zeigt folgendes Beispiel: Bei der Analyse der Effekte von Computern und Internet in der Schule schreiben Fuchs/Wößmann, dass eine Nutzung "bis zu mehrmals im Monat" die besten Schülerleistungen ergibt. Keine Nutzung der Neuen Medien erzielt schlechtere Ergebnisse, die schlechtesten ergeben sich jedoch bei einer Nutzung "mehrmals pro Woche". Während nun diese schlechtesten Ergebnisse der anscheinend übermäßigen Nutzung des Computers zur Last gelegt werden, stellen die Autoren bei den schlechten Ergebnissen durch fehlenden PC-Einsatz die These auf, die Unfähigkeit der Schüler mit dem PC umzugehen, könnten die Lehrer bewogen haben, den PC erst gar nicht einzusetzen. Die schwachen Leistungen wären also "nicht auf den fehlenden Computereinsatz zurückzuführen, sondern genau umgekehrt." (S.9) Wenn man die Ergebnisse schon so unterschiedlich auslegt, sollte vielleicht auch eine weitere These berücksichtigt werden: Alle schlechten Leistungen haben weder mit den Fähigkeiten der Schüler noch mit dem PC-Einsatz zu tun, sondern sind auf inkompetente Lehrkräfte zurückzuführen, die nicht darin geschult sind, mit dem PC einen qualitativ guten Unterricht zu gestalten. Dies würde zumindest in das leider reale Bild passen, dass immer noch Lehrkräfte, die für die neuen Anforderungen ungenügend ausgebildet sind, und Curricula ohne angemessene Einbettung der neuen Medien die Situation der Schule in Deutschland bestimmen. Angesichts der Fülle an Argumenten, mit denen die Autoren das Lernen mit neuen Medien in Frage stellen, verwundert es fast ein wenig, wenn sie letztendlich zu dem Schluss kommen, dass Computer bei richtigem Einsatz sogar einen "leicht positiven Gesamteffekt" (S.8) auf Schülerleistungen haben können - sowohl zu Hause ("Achten allerdings die Eltern und Schüler darauf, dass der Computer in erster Linie nicht für Spielzwecke, sondern für lernfördernde Tätigkeiten wie Internetrecherche oder Umgang mit Lernsoftware genutzt wird..."), wie auch in der Schule: "Die Ergebnisse besagen nicht, dass der Einsatz von Computern an Schulen prinzipiell kein positives Potential für die Schülerleistungen hat. Sie verdeutlichen allerdings, dass ein solch positives Potential beim bisherigen Einsatz in der Schule nicht ausgeschöpft wurde (...). In dieser Hinsicht scheint es geboten, vor einem großflächigen Einsatz von Computern in Schulen eine effektive Einsatzmöglichkeit von Computern im Unterricht zu finden (...)." (S.9) Es freut uns, dass die Autoren die Notwendigkeit neuer Unterrichtskonzepte für eine neue Art des Lernens sowie deren positiven Potenziale erkennen, wobei sie damit ihre eigene Argumentation auf tönerne Füße stellen, nur: Für diese Ergebnisse bedurfte es keiner neuen statistischen Analyse, auf diesem Stand ist die (erziehungs-) wissenschaftliche Diskussion seit Jahren. Aus diesem Grund wurden und werden in der ganzen Republik modellhaft neue Unterrichtsformen erprobt und erforscht, fordern wir wie auch andere Wissenschaftler eine Anpassung der Lehrerausbildung an die Erfordernissse von Schule im Informationszeitalter. Resümierend lässt sich sagen: Grundlegend Neues hat diese Studie nicht hervorgebracht. Es bleibt der Zweifel, ob es bei der Veröffentlichung tatsächlich um die Sache oder nicht vielmehr um das ifo respektive um die Autoren ging, die ins Gespräch gebracht werden sollten. Die Frage des Umgangs mit Neuen Medien in der Bildung wird weiterhin - zurecht - kontrovers besprochen werden, wobei wir uns in Zukunft jedoch überzeugendere Diskussionsbeiträge wünschten. von Morten Hendricks |
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